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Vielleicht kennst du diesen Moment: Zwei Menschen erleben dieselbe Situation – und erzählen später zwei ganz unterschiedliche Geschichten darüber. Für den einen war es eine wertvolle Begegnung, für den anderen ein anstrengendes Gespräch. In solchen Momenten zeigt sich, dass unser Blick nie neutral ist und gelingende Kommunikation eigentlich fast schon ein Wunder 😊.
Unser Blick auf eine Situation ist, mehr als uns oft lieb ist, gefärbt von unzähligen Einflüssen, wie unserer Sozialisierung, persönlichen Erfahrungen, Wünschen, Verletzungen, Werten und auch ganz simpel unserer heutigen Tagesform. Jeder Mensch ist ein Mosaik unzählig vieler Einflüsse und damit eine ganz eigene Welt, von der nur ein winzig kleiner Teil an der Oberfläche sichtbar ist.
Was uns in Interaktionen begegnet, ist also nicht nur das, was scheinbar „draussen“ geschieht – sondern eigentlich begegnen wir in jeder Situation erst einmal der Welt in uns selbst.
Ein altes Sprichwort bringt dies schön auf den Punkt: „Wir sehen die Dinge nicht, wie sie sind, sondern wir sehen sie so, wie wir sind.“
Wenn wir an diesen Gedanken anknüpfen, kommen wir zur Frage: Was bedeutet Sehen eigentlich? John O’Donohue beschreibt in seinem Buch „Anam Ċara - Das Buch der keltischen Weisheit“ die Sinne, mit denen wir die Welt wahrnehmen, als „Schwellen der Seele“. Das Sehen ist für ihn nicht bloss ein biologischer Vorgang, sondern ein zutiefst spiritueller Akt; weil wir im Sehen nicht neutral registrieren, sondern deuten, gewichten und damit unsere Wirklichkeit projizieren und formen.
O’Donohue unterscheidet dabei verschiedene „Sehstile“, mit denen wir dem Leben begegnen können:
- Das furchtsame Auge, das überall Bedrohung wittert.
- Das urteilende Auge, das die Welt in starre Kategorien presst und sich selbst wie den Rest der Schöpfung hart ins Gericht nimmt.
- Das gierige oder neidische Auge, das vor allem Mangel wahrnimmt.
- Und dann spricht er vom liebenden Auge.
Das liebende Auge ermöglicht uns einen Blick, der gütig ist, anstatt naiv; der anerkennt, anstatt zu verurteilen. Es schenkt mir und dem Gegenüber Würde und lässt durch das Dickicht der oberflächlichen Schwierigkeiten hindurch blicken, in das gute Innere. Wird dieser innere Kern gesehen, löst dies auch im Gegenüber oft viel aus und schenkt uns eine echte Begegnung voller Menschlichkeit.
Vielleicht ist die entscheidende Frage deshalb weniger: Was begegnet mir heute? Sondern vielmehr: Mit welchem Blick möchte ich dem begegnen, was ich heute antreffe?
Für das Praktizieren des «liebenden Auges» gibt es wie immer vielfältige Trainingsplätze in unserem Alltag…
- z.B. dem Menschen an der Kasse nicht einfach Ungeduld zu unterstellen, sondern ihm auch seine Erschöpfung zuzugestehen.
- im Kollegen nicht nur den Widerstand, sondern vielleicht auch die zugrunde liegende Sorge zu sehen.
- in einem selbst nicht nur das Unfertige zu bemängeln, sondern auch das Gewachsene zu würdigen.
Ein liebevoller Blick vermag es, die Qualität unserer Welt radikal zu verändern und in dunklen Zeiten ein Licht anzuzünden.
Wir wünschen uns und dir diesen März viele gütig-menschliche Momente, in denen wir uns selbst und anderen das «liebende Auge» schenken.
Herzlichst, Julia und Valentin von gesund.ch
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