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Für den September möchten wir eine Geschichte mit dir teilen, die uns eindrücklich an eine lebenswichtige Qualität in unserem Miteinander erinnert hat. Es ist eine Qualität, die im Trubel des Alltags so oft «Wichtigerem» weichen muss und doch fundamental entscheidend für den Verlauf unseres und anderer Leben ist:
Es war ein gewöhnlicher Herbsttag in einer gewöhnlichen Grossstadt. Ein Kind war mit seinem Vater in der Stadt unterwegs, da der Vater einige Erledigungen machen musste. Als sie so an den grossen Schaufenstern der Geschäfte vorbeiliefen, blieb das Kind plötzlich wie angewurzelt stehen und schaute mit grossen Augen auf das Fenster.
Dort war nichts zu sehen, ausser einer grossen weissen Fläche und einem einzelnen Schwamm, der sich in kreisenden Bewegungen darauf wie von selbst zu drehen schien und den dicken, weissen Schaum verteilte.
Auf einmal, mit einem leisen Quietschen, öffnete sich ein kleines Fenster im grossen, schaumigen Weiss; eine kleine Fläche, die sich von links nach rechts langsam ausdehnte und hinter der zwei müde Augen hervorschauten.
Das Kind schaute mit riesigen, leuchtenden Augen dem «Magier» ins Gesicht, der mit seinem Fensterabzieher gerade ein Stückchen der weissen Wand hatte verschwinden lassen. Er erschrak beim Anblick des begeisterten Kindes, dessen Begeisterung eindeutig ihm zu gelten schien. Er schaute schnell in des Kindes leuchtende Augen, dann in die des Vaters und wieder zurück.
In seinem Kopf überschlugen sich die Gedanken. Der Vater kann doch nicht wollen, dass sein Kind sich für ihn begeistert, für so einen Verlierer; er ist doch nur ein schlechtes Vorbild für das Kind. Aber die Augen des Kindes ergriffen ihn und hielten seinen Blick fest. Noch nie hatte ihm jemand mit so viel Freude in die Augen geschaut und war so begeistert von ihm und was er tat. Er, der bereits in der Schule immer der Versager war, der immer zu hören bekam «aus dir wird sowieso nichts», «du bist für nichts zu gebrauchen»; er, der diesen jämmerlichen Job des Fensterputzers annehmen musste, einen Job, der kein Ansehen hatte, der nur für die Menschen war, die es zu nichts gebracht hatten, dachte er.
Und von einem Moment zum anderen war dieser Mensch der Held eines anderen, wurde mit so viel Begeisterung und Freude angeschaut und durch Händeklatschen angefeuert. Er spürte, wie eine Welle seinen ganzen Körper durchflutete, wie sich sein Rücken plötzlich aufrichtete und die Augen vor Freude blitzten. Förmlich elektrisiert schwang er seinen Fensterwischer nun sauber die ganze Länge der Scheibe entlang, drehte ihn elegant um die Kurve und zog die nächste Bahn und so ging es weiter und weiter.
Die ersten Passanten bemerkten das faszinierte Kind und hielten inne, um zu sehen, was hier vor sich ging. Sie sahen einen Fensterputzer, der leichtfüssig und elegant immer grössere Bereiche eines Schaufensters aus dem weissen Schaum öffnete und dabei sichtlich zu geniessen schien, was er tat. Aus ein paar Passanten wurden mehr und bald stand ein kleines Grüppchen an Zuschauern vor dem Schaufenster, die dem vergnügten Fensterputzer zuschauten und sich ein freundliches Lächeln nicht verkneifen konnten. Der Fensterputzer zog seine Bahnen mit ansteckender Freude und als das Fenster blitzeblank abgezogen war… konnte er einfach nicht anders und holte schnell wieder seinen Schwamm aus dem Eimer, um das Fenster erneut einzuschäumen. (Die Geschichte vom Fensterputzer, frei nach André Stern).
Die Geschichte zeigt eindrücklich, was ein offenes Herz ohne Bewertung in einem anderen Menschen auslösen kann, was echtes Interesse verändern kann und was es ausmacht, wenn man sich auf einmal wirklich gesehen und angenommen fühlt – als ganzer Mensch, der richtig und genug ist.
Wenn man die Geschichte so liest, wünscht man sich förmlich auch so ein paar begeisterte Augen und so ein freudiges Klatschen, die einen wirklich sehen und das Gefühl geben: du bist einfach wundervoll! 😊
Schön ist dabei auch das Wissen, dass wir alle zusammenhängen und wir selbst so ein Mensch für unsere Mitmenschen sein können. Wie schwer und doch so wertvoll ist es, wenn wir unseren Mitmenschen und Klient:innen versuchen, immer wieder bewusst mit offenem Herzen zu begegnen und ohne die mentalen Schubladen, die meist viel zu schnell auf- und wieder zugehen.
Wahrlich gesehen zu werden ist das zutiefst menschliche Geschenk, das wir uns gegenseitig machen können und das auch bei noch so viel Automatisierung nie durch eine Maschine ersetzt werden kann.
Seien wir verschwenderisch grosszügig damit, denn die Freude, die wir geben, kehrt ins eigene Herz zurück.
Wir wünschen dir einen Herzens-offenen September.
Herzlichst Julia und Valentin von gesund.ch
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